|
Prägnanter, als mit diesem - dem Kirchenvater Augustinus (354-430 nach
Christus) zugeschriebenen - Text, lässt sich kaum ausdrücken, was es bedeutet,
in der Gemeinde zu tanzen. Erleben von Gemeinschaft und Konzentration
auf das Wesentliches und zugleich in Bewegung sein, bewegt sein mit Körper, Seele und Geist.
Seit nunmehr elf Jahren ist das "Reigentanzen" fester Bestandteil unter den vielfältigen Angeboten der
Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Siegen-Weidenau. Woche für Woche treffen
sich bis zu vierzig Teilnehmer im Tanzkreis, um miteinander „im Tanz das
Leben gelingen zu lassen". Getanzt werden Kreisreigen
internationaler Folklore, sowie jüngere Choreographien teils meditativer Art.
Dabei sind die Gemeindemitglieder nicht in der Überzahl.
Das offene Angebot für Jung und Alt versteht sich
als Einladung an alle Menschen, die auf der Suche sind - auf
der Suche nach christlicher Gemeinschaft, seelischer Entlastung
und Erbauung sowie körperlicher Stärkung.
Unter religiösen Tänzen versteht Kerstin
Kuppig: „Tänze, die der Mensch verwendet, um seine Religiosität, seinen Glauben
auszudrücken" - „Tänze, in denen biblische Geschichten oder religiöse
Themen/Lieder versinnbildlicht und ausgedeutet werden."
Bei anderen Tänzen werden
alltägliche Themen behandelt, wie Orientierung in Raum und Zeit,
Begegnung und Abschied, Einteilung der Kräfte, Selbsterfahrung
und Gruppenerfahrung, Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen. Manche
Tänze handeln vom Pflügen und Säen, feiern den Frühling und die anderen
Jahreszeiten; es gibt Tänze zur Passion, zur Auferstehung zu Weihnachten.
Da ist der Tanz der Elemente, der Hochzeitstanz, der Tanz der
Weide, das Mirjamlied. Gegenstände, die Menschen früher im
Tanz gefeiert haben, erinnern daran, dass es viel mehr Anlässe zu Dankbarkeit,
Lobpreis und Lebensfreude gibt, als oft bewusst ist.
Wir verstehen den „Folkloretanz für Jung
und Alt" als Lobpreis mit Körper, Seele und Geist, als
Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat und als diakonischen
Dienst an Gliedern der Gemeinde und an Bewohnern des Stadtteils.
Bewegungsmangel sowie Prozesse der Vereinsamung und Verelendung
werden als Probleme erkannt, denen vor allem Menschen jenseits
der Berufstätigkeit zunehmend ausgesetzt sind.
Kirchen haben mit
ihrer Orientierung am Evangelium, das den ganzen Menschen meint, eine
Perspektive, um Menschen in Not körperlich, seelisch und sozial zu dienen. Wir
sind dankbar, dass wir den Tanz als Möglichkeit entdeckt
haben, um Menschen in dieser Weise ganzheitlich zu dienen. Wir freuen
uns, dass es immer wieder vorkommt, dass Leute sagen „mein Arzt hat
mir dringend empfohlen, hierher zu kommen".
Miteinander das Leben feiern und Lebensfreude
teilen, aber auch Trauer und Leid tragen, findet im Tanz symbolischen
Ausdruck. Die Teilnehmer des Tanzkreises bringen ihre Gemütsverfassung,
ihr momentanes Sich-in-der-Welt-befinden nach außen, sie bewegen es aus
sich heraus, teilen sich Gott und den anwesenden Menschen mit.
Zugleich findet eingebunden in die Choreographie des jeweiligen
Tanzes eine Bewegung von außen nach innen
statt: Indem alle die Bewegung in
einer vorgegebene Struktur und an der
Musik orientiert teilen, formulieren
sie eine Botschaft, die lautet: Du
bist nicht allein; du bist aufgehoben
im Kreis von Menschen, die mitfühlen
und miterleben, und so, wie die Musik
uns alle durchdringt, ist Gottes Liebe gegenwärtig.
Angeleitet wird die Gruppe von einem Musiktherapeuten und
zwei Musiktherapeutinnen. Diese nehmen jeweils
eine thematische Zusammenstellung des 90-minütigen "Tanzprogramms"
vor und begleiten die Gruppe, indem sie Bezüge zwischen Tanz und
Alltagserleben herstellen. In der Gruppe schwingt etwas mit, was die Menschen
auf besondere Weise berührt, und das ist nicht der Tanz allein, sondern das
Angenommen- und Rückgebunden-sein. Zur
„Kultur" der Gruppe gehört die Anteilnahme. Man achtet aufeinander und
ist füreinander da. Man erinnert an kranke Teilnehmer, es
werden Besuche organisiert oder Kartengrüße verschickt. Manche
Teilnehmer bitten um Unterstützung im Gebet bei Krankheit und in besonderen
Lebenssituationen.
Teilnehmer äußern sich über den Tanz in der Gemeinde
wie folgt: „Dieses Angebot tut meiner Seele gut!" „Die Gruppe
hat mich nach dem Tod meines Mannes aufgebaut." „Beim
Folkloretanz vergesse ich Schmerzen und Einsamkeit."
Ramona Hesse Hartmut
Kapteina und Ingrid Kolb
Dieser Artikel erschien in "Die Gemeinde" 14/2008 und wurde dort entnommen. |